Schöner Scheitern

Wo ist noch mal das Bremspedal?

Kann man Autofahren verlernen? Ja, findet ELTERN-Autorin Silia Wiebe. Wenn man ein Kind kriegt zum Beispiel.

Ich wollte immer eine coole, selbstständige und tiefenentspannte Mutter sein. Auf keinen Fall eine dieser Frauen, die hyperventilierend in die Notaufnahme rennen, nur weil ihr Kind seinen ersten Durchfall hat. So dachte ich nach Oles Geburt und nahm mir vor, meine Selbstständigkeit gegen alle Widrigkeiten des Elternseins zu verteidigen – Schlafentzug hin oder her. Soweit der Plan.

Am Anfang klappte es gut. Ich entschied ohne Telefonschalte ins Büro meines Mannes, dass Ole zuerst Pastinake zu essen bekommt und dann Karotte. Und ich beschloss eigenständig, uns ein neues Auto zu kaufen. „Unsere Nussschale bricht irgendwann unter uns zusammen“, erklärte ich meinem Mann. „Zeit für eine schicke Familienkutsche!“ Er durfte Farbe und Modell aussuchen, ich hatte nur einen Wunsch: Der Kofferraum sollte so groß sein, dass ich den Kinderwagen reinschieben konnte, ohne ihn vorher zusammenzuklappen. Trotz großer Anstrengung verstand ich nämlich nicht, in welcher Reihenfolge ich Knöpfe drücken, klappen, schieben und schleudern musste, damit unser überzüchteter Großstadtkinderwagen wieder klein wurde.

Nach wochenlangem Autocheck und Kontostandabgleich blieb der Citroen Berlingo übrig, ein Mix aus LKW und Familienwagen, sehr beliebt bei Malern und Gemüsehändlern wegen des vollstopfbaren Kofferraums. An den Wochenenden übernahm mein Mann das Steuer, während ich auf der Rückbank Oles Stimmung überwachte. Unter der Woche hätte ich den Kasten fahren können. Aber ich tat es nicht.

Lieber nahm ich den Bus und redete mir ein, dass so ein gemächlicher Öffi-Transport genau das Richtige ist für eine müde Mutter und ihr verkehrsinteressiertes Kind. Als die Elternzeit rum war, hatte ich nicht einmal am Lenkrad gedreht. Zur Kita marschierten wir zu Fuß, und zum Einkaufen nahm ich das Rad. Zwar hat es mich einmal auf den Asphalt gehauen, weil ich eine volle Tüte vorne, eine Tüte hinten und am Lenkrad eine baumelnde Melone hängen hatte. Aber ohne Melone lief es prima.

Bis zur Hochzeit einer Freundin. Es war Nacht und wir wollten nach Hause fahren. Mein Mann hatte schon einen sitzen und gab mir den Autoschlüssel. Ich öffnete die Tür und starrte in den Fußraum – nackte Angst! „Was ist?“, fragte mein Mann. „Ich trau mich nicht“, sagte ich. „Welches Pedal ist noch mal die Bremse?“

Mein Mann musste ein Taxi rufen, und so kam raus, dass ich meilenweit davon entfernt war, eine selbstständige Supermama zu sein. Ich konnte ohne Entscheidungshilfe Pastinake füttern, aber war am Steuer ein Schisser geworden. Eigentlich war es noch schlimmer. Mich überforderte bereits das Einparken mit dem Kinderwagen auf Rolltreppen. Mehrfach blieb ich mit den Rädern hängen, bretterte einmal sogar rückwärts mit Baby im Bugaboo wieder runter. Ich musste auf den Fahrstuhl ausweichen und schämte mich.

Dann kam der Tag, an dem nur noch Käse, Joghurt und abgelaufene Hefe in meinem Kühlschrank lagerten und es draußen schüttete. Ich hatte genug von meiner Unselbstständigkeit und von Radfahren im Regen. Ich brachte Ole zu den Nachbarn und setzte mich zitternd ins Auto. Ich sortierte in Ruhe die Funktion der Pedale und drehte den Zündschlüssel um.

„Schlimmstenfalls hat nachher irgend jemand eine Schramme“, beruhigte ich mich. Dann fuhr ich mit Tempo 20 zum Supermarkt. Und kam an. Ich fühlte mich so gut, so mutig, so frei und so selbstständig wie noch nie in meinem Leben.

Ich nehme heute noch immer den Fahrstuhl, aber ich warte nicht mehr Stunden auf den Bus.

 

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